"Kunst, die man nicht für sich selbst gemacht hat, geht auch keinen anderen etwas an."
Helmut Krausser
SHY, die Band aus Linz, ist 15 Jahre alt. 15 Jahre, in denen (sehr) viel reingegangen ist in diese Band, an Welt, Leben, Musik, Literatur. Und durchgegangen und rausgegangen: Musik, Texte, Konzerte.
"Zurück am Start", ihr 6. Studioalbum, ist ein Break-Up-Album. Ein Album, dessen Popmotor nicht das schneller schlagende Herz einer euphorisierenden neuen Liebe ist, sondern dessen inhaltlicher Grundbeat der langsamere, beständigere Schlag eines gebrochenen, eines verletzten Herzens ist. Wo SHY-Sänger und Texter Andreas Kump in der Vergangenheit die Welt mehr als einmal mit weit ausholender Geste umarmt und ganz fest an seine Brust gedrückt hat (und wir haben mit ihm "ja!" geschrieen, "go for it!"), oder ebenso überzeugend ihre Blödheiten und Limitierungen aufgezeigt hat (wir waren auf seiner Seite!), muss sie jetzt erst einmal vor der Tür warten, die Welt. "Geh mir aus dem Weg/ich will nicht mit dir reden/ich bleibe gar nicht erst stehen/ich bin nicht gesellschaftsfähig"
Als weitere Lesart bietet sich an, dass hier die Ernüchterung, die SHY nach ihrem letzten Album "35 Sommer" (2004) empfunden haben, das trotz aller seiner Qualitäten ein wenig untergegangen ist, mitschwingt. So oder so: es geht um sich verloren geben dürfen, dann Atem holen, sich und seine Positionen (wieder)finden, sich wieder herrichten, aus dem Nabel wieder herauskommen, unterwegs zurück an den Start. "Neu besetzen/ich bin gekommen/um die alten Geister zu vertreiben"
Dabei klang ein Break-Up-Album selten so gut. Die Band ist on top of its game. Drummer Hansi Riener und Bassist Mario Valenti schaffen eine rhythmische Basis, die straight und auf den Punkt ist, ohne auf Ideen zu verzichten, und die zwei Gitarren von Peter Lang und Heinz Fleischanderl stehen SHY hervorragend, ganz hervorragend. Verblüffenderweise klingen – bei allen inhaltlichen Kalibern, die hier aufgefahren werden – die Vocals von Andreas Kump unangestrengter, souveräner, ja leichter denn je. Da ist keine unkontrollierte, ohnmächtige Wut, keine Resignation, kein Weg- oder Drübersingen. Auch die bei solchen Befindlichkeiten gern genommene Vokabel "Katharsis" lässt der Sänger nicht gelten. Kump klingt worldweary, wie unsere angloamerikanischen Freunde sagen würden, mitgenommen, aber (wieder) bei sich. Und all the better for it.
Mit 37 kann es jetzt schon einmal darum gehen, dass Dinge zu Ende gehen, zerbrechen, nicht so laufen wie erhofft oder erträumt. Endlichkeit ist schließlich etwas, dem wir uns alle früher oder später stellen müssen.
Kein Weg daran vorbei. "Doch wir sind nur Passagiere/wir sind nur für kurze Zeit hier /wir haben auf dieser Reise nichts zu gewinnen/wir werden am Ende unser Leben verlieren" ("Passagiere"). Das Fehlfarben-Zitat im selben Stück zeigt noch etwas: Vor ihrem Ende war sie ja da, die Liebe ("Es ist so unheimlich/unheimlich schön mit dir"), vor ihrem Aus! hat die Hoffnung ja gelebt ("Wir werden uns wieder treffen/morgen Abend bei dir /und es muss nichts passieren/und das ist schon mal gut /das ist besser als zuvor"). Und wir haben sie genossen, sie gefeiert. Oder wie ein anderes Lied Rudi Dutschke zitiert: "Jeder, jeder hat sein Leben ganz zu leben."
Das alles durchwirkt sich mit der Musik (und umgekehrt), die in der Produktion von Mario Thaler fast schon understated, aber allzeit klar ist, immer sehr präzise und die ihren Charme, ihre Reichhaltigkeit erst bei mehrmaligem Hören der 10 Songs mit ihren genau richtigen 40 Minuten vollständig offenbart. Es hat sich gelohnt, dass die Band (wie 2001 für "Auf Reisen") nach Weilheim ins Uphon Tonstudio gefahren ist. Das ist dann doch großes Pop-Theater, aber eines das auf leeren Pathos und Taschenspieler-Arrangement-Tricks verzichtet. Trotzdem gehen sie auf, diese Refrains, ohne sich schmierig anzubiedern, werfen dezent gesetzte Zusatz-Instrumente ein paar Augenblicke überraschendes Licht, in dem wir immer mehr über (vermeintlich) weniger erfahren. Wen happy sad tales straight from the heart wie "April, Mai, Juni" oder das erschütternde "Was war ich für dich" (das muss man sich erst einmal zu fragen trauen) nicht berühren, der muss ein Stein sein. Oder zu jung, um eine gescheiterte Liebe erlebt zu haben. Vergleichbar mit ihren Anfangstagen lehnen sich SHY bewusst weit aus dem Fenster und geben nichts darum, ob anderen diese Dinge, diese Gefühle und Erfahrungen nicht zu persönlich, zu intim, und zu ungeschützt wiedergegeben sind.
Auch die Geographie von "Zurück am Start" ist erstaunlich: Wohnung, Zimmer, Schlafzimmer, Bett, Küche, Zug, Straßenbahn, ein untergehendes Schiff, das Meer, Wien, (ausgerechnet) das Café Stein am Schottentor – wir kommen ganz schön herum. Photos von kargen, fast abweisenden isländischen Landschaften illustrieren das Booklet, geben nach und nach ihre Schönheit preis, etwas doch Anziehendes, mehr und mehr Details, die den ersten Eindruck verändern und erweitern. So wie diese Musik und dieser Mann, der da singt, eben schon noch Träume haben, wenn sie auch vorerst (noch?!) von einem "Loch im Kopf" handeln mögen, wie uns die erste Single wissen lässt.
Weil - es zieht schon wieder durch, und raus, durch dieses Loch, und es wird deutlich, was "Zurück am Start" sein kann: Der etwas andere Frühling einer guten, wichtigen Band.
Rainer Krispel, Februar 2006